Dienstag, 3. Dezember 2013

BWK: 1911 – 1944


Vor, in und zwischen den Weltkriegen:


Die BWK im Kampf gegen Inflation, volatile Preise, Devisenmangel und Kriegsfolgen


Eine Analyse von Geschäftsberichten und Wirtschaftsnachrichten der Bremer Woll-Kämmerei (BWK) für die Zeit vor, in und zwischen den Weltkriegen, die von einem wissenschaftlichen Archiv dokumentiert sind, veranschaulicht die Funktionsweise einer Wollkämmerei, die auf extrem volatile Wollpreise und Umsätze durch einen Eigenhandel, Änderungen der Lagerbestände und einen flexiblen Einsatz des Faktors Arbeit reagiert. Aus der Sicht der Mitarbeiter sind damit Kurzarbeit, zeitweilige Entlassungen und zahlreiche Maßnahmen verbunden, die die Betriebstreue belohnen, da innerhalb eines relativ kurzfristigen Wollkonjunkturzyklus häufig rasch auf erfahrene Mitarbeiter wieder zurückgegriffen werden muss.

In der Zeit zwischen 1911 und 1944 muss dieses bereits stark schwankende Kammzuggeschäft innerhalb von extrem wechselhaften Rahmenbedingungen betrieben werden: zwei Kriege mit ihren Engpässen bei den Rohstoffen Kohle und Wolle, eine Hyperinflation mit anschließender Währungsreform und die restriktive NS-Wirtschaftspolitik, die zur Verarbeitung der wenig beliebten Zellwolle zwingt, beeinträchtigen die Produktion und das Geschäft der BWK, während es nur ganz wenige "goldene" Jahre fördern.

Der Blick in die Geschäftsberichte der BWK informiert daher nicht nur über betriebswirtschaftliche Daten, sondern führt auch zu einem Streifzug durch die Wirtschaftsgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.


Die Bremer Woll-Kämmerei und ihr Umfeld


Die wirtschaftlichen Leistungen jedes Unternehmens stehen in einer Kette von Zusammenhängen. So war das Wohlergehen Blumenthals über viele Jahrzehnte eine fast direkte Folge der in der BWK hergestellten Kammzugmenge, die zu häufigen Änderungen der Anzahl der Mitarbeiter und zu Kurzarbeitszeiten führte. In ähnlicher Weise hing die Geschäftslage dieses größten Arbeitgebers und Steuerzahlers von den jeweiligen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Dieses Umfeld der eigentlichen Unternehmenstätigkeit stellte die BWK in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen, als die Weltwirtschaft und damit auch der Wollhandel durch kritische Zeiten gingen, vor besondere Herausforderungen. Hinzu kamen die politischen Verwerfungen durch die Kriege, die Entstehung der ersten deutschen Republik und die Eingriffe durch die nationalsozialistische Diktatur des Dritten Reiches.

Unter diesen schwierigen, wechselvollen Rahmenbedingungen musste das Unternehmen, das wie kaum ein anderes von den sensiblen Wollimporten anhängig war, für eine möglichst stabile Kammzugproduktion sorgen, um die Beschäftigung seiner Mitarbeiter zu sichern und die Kapitalgeber mit einer Verzinsung ihres eingesetzten Kapitals zu versorgen.



Unternehmerische Entscheidungsparameter 



Mit der Festlegung der Produktion auf die Bereiche Wollwäscherei und Wollkämmerei sowie die Konzentration auf das Lohngeschäft am Standort Blumenthal waren bereits mit der Gründung ganz zentrale Parameter für das weitere Handeln des Managements abgesteckt.

Die Aufgaben des Vorstandes waren damit einerseits im Vergleich zu anderen Industriezweigen begrenzt, da beispielsweise die Produktentwicklung und die Preisgestaltung bestenfalls eine untergeordnete Rolle spielten, denn die Art der Wollbearbeitung wurde von den Auftraggebern bestimmt und die Kämmereipreise waren durch ein Kartell festgelegt, dem neben der BWK die Kämmereien in Döhren und Leipzig angehörten. Die Verarbeitungs- oder Verkämmungsmarge als wichtige Kalkulationsgröße diente daher vor allem dazu, eine kostengünstige Produktion zu organisieren und anhand der jeweiligen Kostensituation neben dem Lohn- noch ein zusätzliches Eigengeschäft zu betreiben, um die Anlagekapazitäten besser zu nutzen.

Die größte Herausforderung waren daher innerhalb des Wollgeschäfts die extremen Schwankungen der Wollpreise, die nicht ohne Rückwirkungen auf die Auftragslage und Umsätze blieben, was zu erheblichen Problemen für die Beschäftigung führte. Für die Profitabilität des Unternehmens war daher eine rasche Anpassung der bezahlten Arbeitsstunden an die Menge der Rohwolle, die zu bearbeiten war, eine zentrale Stellschraube. 


Die Preisschwankungen sind vor allem auf einen zeitweiligen Lagerabbau der Spinnereien zurückzuführen, der zu fast erwartbaren Konjunkturschwächen von 15 bis 18 Monaten führte (Ausblick, S. 2), aber sie können auch durch einen Mangel an Rohwolle infolge von Dürren in den Schafzuchtländern oder die generelle Nachfrageschwäche bei den Endkonsumenten oder eine geringe Verwendung von Wolle in einer jeweils aktuellen Mode ausgelöst werden.

Auch wenn sich, wie die Daten im Einzelnen zeigen, in diesem Bereich über die Lagerhaltung und ein Eigengeschäft längere Zeit ein Durchschnittsniveau halten ließ, das wie ein Puffer für Beschäftigung und Ertrag wirkte, blieb das Geschäft im volatilen Wollmarkt eine anspruchsvolle Herausforderung.



Lager oder Cash 



Innerhalb dieses Rahmen musste das Unternehmen in der volatilen Wollwelt durch seine Entscheidungen möglicht für eine gewisse Stabilität im Innern sorgen. 

Eine Möglichkeit, um die Beschäftigung und die Gewinnsituation zu stabilisieren, war der Eigenhandel. In diesem Fall kaufte die Kämmerei Rohwolle auf Vorrat, verarbeitete sie und verkaufte sie anschließend oder lagerte sie zunächst ein. Dazu wurde eine gute Einschätzung der Marktentwicklung benötigt, die man häufig Menschen, die lange in einer Branche arbeiten, als Baugefühl zuschreibt. Bei diesen Entscheidungen mussten also die voraussichtliche Entwicklung zur Zeit des Kaufs der Rohwolle und anschließend mit der Produktion der Kammzüge die weitere Preisentwicklung für diese Produkte möglichst richtig eingeschätzt werden. Das ist dem Management der BWK, wie zumindest in den Geschäftsberichten behauptet wird, auch ohne ökonometrische Prognosemodelle oder den Einsatz einer Glaskugel relativ gut gelungen. Auf die Bedeutung dieses Eigenhandels für die Gewinngenerierung und –stabilisierung soll in den einzelnen betrachteten Zeiträumen genauer geachtet werden. 



Schnelle Anpassung an Preise und Nachfrage 



Das war jedoch nicht die einzige Prognoseleistung; denn mit den Preisen sind immer auch Mengen verbunden, die finanziert und bearbeitet werden müssen. Das stellt vor allem bei einem einigermaßen intakten Finanzmarkt mit den üblichen Möglichkeiten einer großen AG kaum ein Finanzierungsproblem dar, wohl aber bei der Kapazität und Beschäftigung ein schwieriges Mengenproblem.


Hier ist eine optimale Kapazität erforderlich, bei der das Unternehmen einerseits nicht hilflos zuschauen muss, wenn in einer goldenen Preisphase keine freien Kapazitäten mehr vorhanden sind und andere die Gewinne einfahren, die scheinbar vom konjunkturellen Himmel regnen. Andererseits will man zwangsläufig auch keine unterbeschäftigten Mitarbeiter bezahlen und mit teuren Gebäuden und Maschinen als totem Inventar die Bilanz belasten.

Da generell die großen Schwankungen kaum rechtzeitig vorherzusehen sind und auch der kurzfristige Bau von Gebäuden und der Kauf von zusätzlichen Maschinen, aber auch die Rekrutierung und Einarbeitung von Mitarbeitern praktisch unmöglich sind, gibt es eigentlich nur eine Lösung für diese kaum lösbare Herausforderung: eine möglicht große Flexibilität der Mitarbeiter.

Das hat das Management der BWK mit einem großen Erfindungsreichtum versucht, wobei man aufgrund einer starken Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen mit dem Betriebsrat rasch Veränderungen der Arbeitszeit vereinbaren konnte. Das ging sogar bis zu einer Wochenarbeitszeit von null Stunden, also weniger euphemistisch ausgedrückt zur Entlassung, der aber wieder eine Einstellung folgte, wenn wieder mehr Rohwolle zur Verfügung stand oder Wollkleidung erneut in Mode kam und Kunden fand.




Die BWK am Vorabend des Ersten Weltkrieges 



Nachdem sich die BWK seit ihrer Gründung nach dem Deutsch-Französischen Krieg bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges in einer relativ ruhigen Umwelt entwickelt hat, traten anschließend in rascher Folge Turbulenzen ein, die man vorher und nachher zumindest in dieser zeitlichen Komprimierung in der modernen Industrie- und Wirtschaftsgeschichte West- und Mitteleuropas nicht kennt.

Auch vor dem Ersten Weltkrieg gab es, wenn man die Geschäftsberichte der BWK liest, keine stabilen rosigen Zeiten, in denen das Geschäft routinemäßig fast wie von selbst lief. So klagte man 1911 über die Marokkokrise und ein „anhaltend herrschendes Missverhältnis zwischen Rohwoll- und Zugpreisen“, unter denen die Beschäftigung „natürlich“ gelitten hat. Trotzdem wurden 1911 3,1 Mio. in Gebäude und eine Vergrößerung und Verbesserung des Maschinenparks investiert. Das Management erweitete also die Kapazität, was zumindest auf erwartete neue Verarbeitungsspitzen schließen lässt.

Das war zumindest im Hinblick auf das folgende „befriedigende“ Geschäftsjahr 1912 nicht unberechtigt, denn eine „starke Nachfrage nach Garn und Zug“ führte zu „großen Umsätzen“ und einer „Besserung der Preise“. Die Rohwollpreise für Merinowolle und Crossbreeds, also eine Kreuzung aus Merino- und Grobwollschaf, zogen erst zum Jahresende um 12% bzw. 20% gegenüber dem Vorjahr an. Für diese Aufwärtsbewegungen waren der „außerordentlich gestiegene Weltverbrauch an Wolle“ und die Furcht vor einer Wollknappheit wegen „großen Minderschuren in Australien und am La Plata“ verantwortlich. Trotzdem sprach damals für die „außerordentlich starke Lage des Artikels“ in der Sicht des Managements, dass der Ausbruch des Balkankriegs und die „damit verbundene Befürchtung eines Weltkrieges“ keinen Einfluss auf diesen Trend hatten.

In diesem „befriedigenden“ Vorkriegsjahr konnte man die 4% Grunddividende durch 16% sogenannte Bonus-Dividende deutlich aufstocken, da der Vorstand im Februar 1913 von einem „Fortbestand der gegenwärtigen Wollpreise“ ausging, die diese günstige Lage für die Beschäftigung der Mitarbeiter und die gute Dividende für die Aktionäre ermöglicht hatten.

Das Folgejahr wurde dann jedoch „sehr schwierig und unbefriedigend“, wie es im Geschäftsbericht 1913 heißt, wobei die negativen Außenbedingungen im März begonnen hatten. Der Grund lag darin, dass die Schurzunahme in Australien den Ausfall in La Plata nur ausgleichen konnte und daher auch 1914 nicht mehr Rohwolle weltweit zur Verfügung stand. Die Schafzüchter hatten also noch nicht auf die erhöhte Wollnachfrage reagiert. Als Folge waren am Jahresende „größere Betriebseinschränkungen“ erforderlich, während sich die Aktionäre 
weiter an eine Bonus-Dividende von zusätzlichen 16% gewöhnen durften. 

Wie die Bilanz dieses letzten Friedensjahres zeigt, hatte die BWK ihre Bilanzsumme von ca. 24 Mio. M zu über zwei Drittel ihrer Aktiva, also ihres Besitzes, in Sachwerten angelegt, wenn man das Anlagevermögen, die unbebauten Grundstücke und die Lagerbestände an Rohstoffen wie Kohle, Rohwolle und Halb- und Fertigwaren addiert.


Bilanz vom 31.12.1913 in M
Aktiva

Anteil an der Bilanzsumme in %
Wohngebäude
440.000
1,8
Fabrikgebäude
5.156.000
21,5
Dampfkessel usw
460.000
1,9
Kämmereimaschinen
2.350.000
9,8
Anlagevermögen insgesamt 
9.060.000
37,8
Grundstück
1.118.000
4,7
Kasse, Wechsel
1.058.000
4,4
Wertpapiere
500.000
2,1
Materialien und Kohle
621.000
2,6
Rohwolle, Fabrikate
5.491.000
22,9
Konto-Korrent-Debitoren
5.954.000
24,8
Umlaufvermögen insgesamt
14.903.000
62,2
Bilanzsumme
23.963.000
100,0
Quelle: Geschäftsbericht 1913


Finanziert wurden diese Aktiva zur Hälfte durch das Aktienkapital in Höhe von 5 Mio. M und Rücklagen in Höhe von 6,5 Mio. M. Die Fremdfinanzierung erfolgte weitgehend durch Kontokorrentkredite und Rückstellungen, für die relativ geringe Zinsen angefallen sein dürften, sowie zu knapp 6 % durch eine 4%-Hypothek-Anleihe.


Passiva in der Bilanz vom 31.12.1913 in M

Passiva


Aktienkapital
5.000
20,9
4 %-Hypothekanleihe
1.358
5,7
Rücklagen (Reservefonds I und II)
6.500
27,2
Rückstellungen für Dividenden
1.001
4,2
Rückstellungen für Angestellten- und Arbeiterunterstützung
880
3,7
Rückständige Hypothekenzinsen
27
0,1
Rückstellung für AR-Tantieme
149
0,6
Laufende Akzepte (Schecks)
968
4,0
Kontokorrent-(Betriebsmittel) Kredite
8.021
33,5
Vortrag auf neue Rechnung
58
0,2
Bilanzsumme
23.963
100,0

Quelle: Geschäftsbericht 1913

Der Weg durch die Belastungen des Ersten Weltkrieges

Das erste Jahr des Ersten Weltkrieges, in dem Deutschland am 1. August 1914 Russland den Krieg erklärte, war laut Geschäftsbericht anfangs durch eine Fortsetzung der Aufwärtsbewegung der Preise und „Unternehmungslust“ geprägt, wodurch der BWK in „befriedigendem Umfange Lohnbeschäftigung zufloss“. Mit dem Kriegsbeginn trat jedoch eine „Unsicherheit“ ein, sodass es für fast vier Wochen keine Abschlüsse gab.

Das änderte sich jedoch bald, wie der BWK-Geschäftsbericht vermerkt: „Erst als unsere siegreichen Truppen den Krieg in Feindesland getragen hatten, kehrte das Vertrauen zurück. Größere Bestellungen für Heeresbedarf brachten unserer Industrie neue Beschäftigung. Die Warenvorräte lichteten sich und die Preise für Wolle und alle Erzeugnisse daraus gingen erheblich in die Höhe“.

Ende 1914 setzte die Regierung dann Höchstpreise fest, was die Einfuhr von Rohwolle erschwerte und Produktionseinschränkungen führte. Dennoch konnte die BWK für das erste Kriegsjahr eine Dividende von 30% ausschütten, da die gute Lohnbeschäftigung vertraglich gesichert war und außerdem Wolle aus den eigenen Vorräten zu guten Preisen verkauft werden konnte.


Auch wenn sich so der Krieg in der Bilanz zunächst wenig auswirkte, bildete die BWK vorsorglich eine Rücklage für Kosten, „die mit dem Krieg verbunden sein können“. Damit wurde aus dem „guten Jahresergebnis“, wie das Management selbst in einer selten positiven Einschätzung des Jahresabschluss feststellt, ein Dispositionsfonds in Höhe von 1,5 Mio. Mark gebildet.

Für das Unternehmen war daher in diesem Geschäftsjahr der plötzliche Tod des Vorstandes Ferdinand Ullrich am 25. Januar ein zumindest gleich bedeutsames Ereignis wie die stabilen Bilanzzahlen.

Die vor dem Krieg gebildeten Lagerbestände zahlten sich auch im zweiten Kriegsjahr aus, in dem die BWK weiterhin mit Problemen bei der Wollbeschaffung und damit einer eingeschränkten Produktion zu kämpfen hatte. Eine leicht gesenkte Dividende in Höhe von 18 % konnte daher nur durch die außerordentlichen Erträge aus dem Lagerabbau finanziert werden.


Die Kriegsbelastungen ließen sich auch 1916 durch eine „vorteilhafte Nutzung“ von Nebenbetrieben, für die es keine nähere Erläuterung gab, sodass sie vermutlich in einem unmittelbaren Zusammenhang zum Krieg gestanden haben, und eine „gute Verzinsung flüssiger Mittel“ ausgleichen. Dabei handelte es sich in erster Linie um Wertpapiere in Höhe von 9,6 Mio. M, die damit knapp 40 % der Bilanzsumme ausmachten und einen höheren bilanziellen Wert als das gesamte Anlagevermögen mit 9 Mio. M besaßen.

Für die weitere Entwicklung der BWK hatten vor allem die Fertigstellung eines neuen Sortiergebäudes und einer Tuchwäscherei eine größere Bedeutung, die einschließlich der Maschinen 1,7 Mio. gekostet hatten, also ein Fünftel des gesamten Anlagevermögen. Trotz dieser Investitionen konnten weiterhin 18 % Dividende ausgeschüttet werden.

Erst 1917 litt auch die BWK deutlicher unter dem Krieg. So musste man mit einem häufigen Kohlemangel leben, aber auch Mittel einsetzen, um den Mitarbeitern die Kriegsfolgen erträglicher zu machen. Zu diesen „Kriegswohlfahrtszwecken“ zählte u.a. ein stark verbilligtes Mittagessen für 1.000 bis 1.900 Personen, für das das Unternehmen bis Ende 1927 1,2 Mio. M aufwenden musste. Dennoch konnte die BWK dank der Einnahmen aus Nebenbetrieben, der Zinsen und dem Verkauf von Wolle, die im Ausland gelagert war, einen Gewinn bilanzieren.

Das Kriegsende und die Revolution 1918 brachten für die BWK ein gespaltenes Jahr; denn in den ersten 10 Monaten verbesserte sich sogar die Versorgungssituation mit Rohwolle und auch Kohle gegenüber 1917, wodurch sogar eine kleine Produktionssteigerung möglich wurde. Mit dem Untergang der Monarchie und einer Übergangsregierung aus Vertretern der SPD und USPD kam es zu einer Reihe sozialpolitischer Maßnahmen, wie der Einführung des 8-Stunden Tages und Teuerungszulagen, höheren Kriegsunterstützungen und Subventionen für die Arbeiterküche. Ein ganz erheblicher Negativposten waren jedoch die Abschreibungen auf die Reichsschatzanweisungen, sodass die Wertpapiere etwa ein Drittel ihres Wertes einbüßten, nachdem sie in den vorangegangenen Kriegsjahren für gute Zinserträge gesorgt hatten.

Dennoch konnten noch 15% Dividende gezahlte werden, wobei der Geschäftsbericht allerdings keine zu positive Stimmung aufkommen ließ, wenn er am Schluss feststellte: „Die Zukunft liegt dunkel vor uns“

Ganz so düster verlief das erste Jahr ohne Kaiser dann allerdings doch nicht, auch wenn aus der Sicht des Managements die Betriebsverhältnisse „immer schwieriger“ wurden; denn gleichzeitig räumte man ein, dass sich die politischen Wogen langsam geglättet hatten und sich der Übergang zur Friedenswirtschaft leichter als erwartet vollzog. Vorteilhaft für die BWK war die Aufhebung der Wirtschaftsblockade, sodass Rohwolle aus neutralen und später auch feindlichen Ländern wieder zur Verfügung stand. Schwierigkeiten gab es hingegen bei der Versorgung mit Kohle, die im Laufe des Jahres schlechter wurde und vor allem zum Jahresende „wiederholt zu längerem Stillstand gezwungen“ hat.

Die gesunkene Kaufkraft ließ zudem fallende Wollpreise erwarten, da hohen Vorräten nur eine geringe Nachfrage gegenüberstand. Zusätzlich gab es auch direkte Auswirkungen des Kriegs auf die Bilanz, da jetzt unterlassene bzw. nicht realisierbare Instandhaltungsinvestitionen nachgeholten werden mussten und weitere hohe Abschreibungen auf Wertpapiere erforderlich waren, eine Position, die vor allem aus Kriegsanleihen bestanden haben dürfte. Dabei handelt es sich um neun Anleihen über insgesamt 98,2 Milliarden M, die vor allem aufgrund intensiver Werbung auch von vielen Kleinsparern während des Krieges gezeichnet worden waren.



                                              Werbung für die 6. Kriegsanleihe

Während Ende 1913 Wertpapiere bei der BWK einen bilanziellen Wert von 0,5 Mio. M besaßen, war diese Position auf 9,72 Mio. M im Jahr 1917 deutlich angestiegen, bis sie dann durch die notwendigen Abschreibungen in der Nachkriegsbilanz auf 2,5 Mio. M geschmolzen ist. Betrachtet man diese Zahlen, hat also die BWK durch ihre Beteiligung an der Kriegsfinanzierung einen Verlust von ca. 7 Mio. M erlitten oder – sucht man einen Vergleich mit einer anderen Bilanzposition - in Höhe ihres gesamten Anlagevermögens. 


Auch wenn das Betriebsergebnis daher 1919 eher bescheiden ausfiel, hatte der Geschäftsbericht eine freudige Überraschung für die Aktionäre parat, wenn es dort heißt, dass die „Abwicklung alter und neuer Wollgeschäfte“ bei fortgesetzter Steigerung der Preise „einen Nutzen“ besitzt, „der uns in die Lage versetzt“ eine Dividende von 20% vorzuschlagen.


Die Kapitalmaßnahmen von 1920 und 1922



Obwohl die BWK dank ihrer Wollbestände den Krieg zunächst relativ ungeschoren überstanden hatte, rissen diese Abschreibungen ein großes Loch in die Kapitalausstattung, und das in einer Zeit, in der man für den Aufbau neuer Lagerbestände dringend Kapital benötigte.

Das Management entschloss sich daher Anfang der 1920-er Jahre zu zwei Kapitalmaßnahmen. Dabei wurde Anfang 1920 das Grundkapital von 5 Mio. RM GK um 3 Mio. M aufgestockt. Während es sich hierbei um die übliche Finanzierung einer Kapitalgesellschaft handelt, gilt das nicht für den zweiten Teil dieser Maßnahme. So wurden auch für 400.000 M Vorzugsaktien mit einer auf 6% reduzierten Dividende, die bei Liquidation vorab zurückgezahlt werden muss, aber einem 20-fachen Stimmrecht ausgegeben. Die 400.000 RM haben damit ein Gewicht von 8 Mio. Stammaktien und bedeuten bei der üblichen Beteiligung an Hauptversammlungen eine gesicherte Mehrheit bei der Wahl des Aufsichtsrats und damit indirekt der Besetzung des Vorstands. Mit einem relativ kleinen Kapitaleinsatz ließ sich also auf diese Weise die BWK anschließend lenken.

Das Unternehmen selbst erhielt durch diese Kapitalmaßnahmen von 1920 ein Aufgeld gegenüber dem nominellen Aktienwert von 1,05 Mio. M, die in die gesetzliche Rücklage eingestellt wurden. Insgesamt erhöhte sich damit das Eigenkapital um 4,5 Mio. RM.

                                                    BWK-Aktie von 1920

Zwei Jahre später führte die BWK noch eine weitere Kapitalbeschaffung durch, bei der die alten Mehrheitsaktionäre keine Sorge um ihren Einfluss haben mussten, denn es wurden für 4,0 Mio. RM Genussscheine ausgegeben, also Wertpapiere, die zwar am Gewinn beteiligen, ohne jedoch eine Stimmrecht in einer Hauptversammlung zu gewähren. Es war also eine Maßnahme für Investoren, die sich für eine gute Kapitalverzinsung interessierten und damit für die Vorzugsaktionäre irrelevant war. So wurde auch nur den Stammaktionären ein Bezugsrecht von 2: 1 eingeräumt.
  
Grundkapital vor und nach den Kapitalmaßnahmen in RM

31.12.1919

31.12.1920

31.12.1922

Stammaktien
5.000.000
Stammaktien
8.000.000
Stammaktien
8.000.000


Vorzugsaktien
400.000
Vorzugsaktien
400.000




Genussscheine
4.000.000
4% Teilschuldverschreibungen
613.000
4% Teilschuldverschreibungen
470.000


Gesetzliche Rücklage
1.025.000
Gesetzliche Rücklage
2.075.000
Gesetzliche Rücklage
2.075.000
Sonderrücklage
5.475.000
Sonderrücklage
5.475.000
Sonderrücklage
5.475.000
Verfügungsrücklage
800.000
Verfügungsrücklage
800.000
Verfügungsrücklage
800.000




Werkerhaltungskonto
10.000.000




Werkswohnungenkonto
5.000.000






Gläubiger
18.697.000

20.823.000


Bilanzsumme
35.946.000

47.226.000



Quellen: Geschäftsberichte von 1919, 1920 und 1922.


Von der Papiermarkschluss- zur Goldmarkeröffnungsbilanz 1923-4


Auf diese Weise konnte zwar ein Unternehmen wie die BWK seine Beteiligung an den Kosten des verlorenen Krieges bilanziell in den Griff bekommen. Das war dem Staat wegen der ganz andere Größenordnung jedoch nicht möglich, da die Staatsanleihen, die dank der intensiven Werbemaßnahmen ein ähnlich breites Anlegerpublikum gefunden hatten wie später die T-Aktie, vom Staat nicht bedient werden konnten und damit mehr oder weniger wertlos waren, wie die Abschreibungen in der BWK-Bilanz zeigen.

Diese ernüchternde Sicht der finanziellen Realität in Deutschland wurde jedoch für die stark betroffenen Privathaushalte erst allmählich deutlich, und zwar nachdem das Reich seine Schulden nochmals deutlich erhöht hatte.

Hintergrund war die Ruhrbesetzung durch Frankreich, nachdem das deutsche Reich angeblich seinen in Versailles vereinbarten Reparationszahlungen nicht vollständig nachgekommen war. Um den passiven Widerstand der Einwohner des Ruhrgebietes, der vor allem in einem Generalstreik bestand, zu unterstützen, wurden die Löhne in dieser Zeit vom Reich übernommen, obwohl die Staatskasse leer war.

Das führte zu einem rapiden Anstieg der Inflationsrate, sodass die Reichsregierung Ende September 1923 den Abbruch des passiven Widerstandes verkünden musste. Die anschließende Währungsreform machte dann das vorhandene Geldvermögen und damit auch die Kriegsanleihen praktisch wertlos, was vor allem die Mittelschicht hart traf und deren Einstellung gegenüber der Weimar Republik verschlechterte.

Entwertung der Goldmark/ Papiermark

Datum
Dollarkurs in Mark
1.07.1914
4,20
31.01.1920
42,00
31.01.1921
60,43
31.01.1922
199,40
31.01.1923
49.000
26.06.1923
760.000
3.10.1923
440.000.000
22.10.1923
32.150.000.000
9.11.1923
628.500.000.000
15.11.1923
4,20 RM

Quelle: wikipedia

Bei dieser Umstellung von der „Mark“ (M) auf die „Rentenmark“ (später „Reichsmark“, RM) wurde aus 1 Billion M eine Reichsmark, es gingen also 12 Nullen „verloren.“ Im Vergleich zum US-Dollar wurde damit jedoch nur die alte Parität von 1914 wieder hergestellt, als man für einen Dollar 4,20 M und jetzt entsprechend 4,20 RM zahlen musste.



                                   5 Bio. Mark vom 1.11.1923 (Quelle: wikipedia)


Da diese Änderung der Währung nicht die Sach-, sondern nur die Geldwerte betraf, wurden durch die Währungsreform die Vermögensverhältnisse in Deutschland verändert; denn neben den Käufern der angeblich sicheren und patriotischen Kriegsanleihen, die ihr Wertpapiervermögen verloren hatten, gab es auch Inflationsgewinnler. Das waren Menschen, die den Mechanismus der Hyperinflation rechtzeitig erkannt und sich an einer Flucht aus der Mark in die Ware beteiligt hatten. So wurden die Grundeigentümer in der Inflation faktisch vollständig entschuldet, da die Immobilien den Wert beibehielten, während die Kredite in der neuen Währung praktisch bei Null lagen. Auch Ausländer waren in dieser Situation deutlich im Vorteil, da sie in der Nachkriegszeit über höhere Vermögen verfügten als die besiegten Deutschen.

Diese Verwerfungen zwischen den einzelnen Positionen lassen sich auch in der Bilanz der BWK erkennen, was dort zu extremen Ungleichgewichten zwischen den Werten geführt hat, die bereits vor der Hyperinflation bilanziert wurden - hierzu zählt etwa das Grundkapital oder ein Holzschuppen - , im Vergleich etwa zu den Fabrikgebäuden, deren Bestand sich während der Inflationszeit geändert hatte und die daher mit gut 68 Billiarden M verbucht waren. Dadurch stand in der Schlussbilanz von 1923 einer Bilanzsumme mit 18 Nullen, d.h. knapp 6 Trillionen M weiterhin das Grundkapital von nur 10 Mio. M gegenüber, also einer 10 mit sechs anschließenden Nullen.

Den rechnerischen Ausgleich zwischen diesen illusionären Spekulationswerten musste ein Gewinn- und Verlustkonto leisten, das selbst mit 3,8 Trillionen M mehr als die Hälfte der Bilanzsumme ausmachte, während das Grundkapital nur noch einen mikroskopisch kleinen Anteil von sehr deutlich weniger als einem Promille betrug. 


Damit waren allen Regeln einer soliden Bilanzierung die notwendigen Grundregeln entzogen, sodass das Unternehmen sich nur kurzfristig an der allgemeinen Flucht aus der Mark in Waren beteiligen konnte und seine Geschäfte möglichst in ausländischen Währungen wie dem britischen Pfund abschließen musste, wenn es ohne große Blessuren diese Zeit der Hyperinflation überstehen wollte. Dank der internationalen Ausrichtung des Wollhandels und der Erfahrungen bei der Lagerhaltung befand sich die BWK dabei in einer relativ guten Ausgangsituation.

Daher musste die BWK auch ihre Dividende 1923 nicht in der von Tag zu Tag wertloser werdenden Reichsmark ausschütten, sondern konnte als Inflationsschutz einen Teil in Berichtigungs- oder Gratisaktien und einen anderen in Goldpfennig zahlen.

Papiermark-Schlussbilanz vom 31.12.1923 und Goldmark-Eröffnungsbilanz vom 1.1.1924



Papiermark-Schlussbilanz vom 31.12.1923
Goldmark-Eröffnungsbilanz vom 1.1.1924
Aktiva/ Vermögen


Wohngebäude
3.280.000.000
588.172
Fabrikgebäude
68.111.870.000.000.000
5.531.793
Holzschuppen
500
  500
Dampfkessel, Dampfmaschinen etc.
3.953.794.858.000.000
323.837 
Kämmereimaschinen
21.887.088.480.000.000
1.525.750
Elektrizitätsanlage
11.736.034.836.000.000
242.483
Eisenbahnanschlussgleis
194.062.000.000
99.866
Drahtseilbahn
4.000.000
11.067
Bohlwerk
5.000
41.116
Wohnmöbel und -geräte
1.000
1.000
Fabrikmöbel und -geräte
1.209.080.000.000.000
67.670
Fuhrwerk
365.230.375.000.000
22.556



Grundstück
1.527.000
1.401.944,08
Kasse und Wechsel
298.342.200.000.000.000
298.342,20
Wertpapiere
48.387.000.000.286.620
334.997
Betriebsstoffe und Kohlen
1.323.175.770.000.000.000
1.323.175,77
Rohwolle und Erzeugnisse
1.110.491.500.000.000.000
1.110.491,50
Schuldner
2.709.635.810.000.000.000
2.709.635,81



Bilanzsumme
5.597.295.525.948.822.110
15.634.416,36



Passiva/ Verbindlichkeiten


Grundkapital/ Stammaktien
14.400.000
10.000.000
Grundkapital/ Vorzugsaktien

400.000
Genussscheine

92.000
Gesetzliche Rücklage
4.000.000
1.040.000
Sonderrücklage
95.000.000
1.500.000
Dividende für 1923

864.000
Stiftungen
129.250
129.250
Abschreibungen auf Betriebsanlagen
480.299.000.000.000.000

Gläubiger
1.323.185.430.000.000.000
1.323.185,43
Gewinn- und Verlustkonto
3.783.811.095.834.292.860

Quelle: Papiermark-Schlussbilanz



Die Goldenen Zwanziger oder die Jahre der Stabilisierung


   BWK von der Weser aus gesehen (Quelle: Geschäftsbericht 1923 (Förderverein))


Nach den Kriegsjahren und den Wirren der Revolution mit vielen regionalen Aufständen, dem Ruhrkampf mit der Hyperinflation und der anschließenden einschneidenden Geldentwertung, die die Eigentümer von Bankguthaben hart traf, war ein Schnitt gemacht, der wieder zu realistischen Preisen führte. Damit waren die Weichen für einige Jahre gestellt, die nach langer Zeit wieder für einige wenige Jahre Normalität brachten, bevor dann mit der Weltwirtschaftskrise, der NS-Machtübernahme und dem zweiten Weltkrieg auch das wirtschaftliche Leben wieder erheblich gestört wurde.


Der Ausdruck Goldene Zwanziger bzw. Goldene Zwanziger Jahre bezeichnet so in Deutschland den kurzen Zeitabschnitt zwischen 1924 und 1929, als mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der weltweiten Konjunktur eine Blütezeit der deutschen Kunst, Kultur und Wissenschaft vor allem in der Weltstadt Berlin begann. Dabei handelte es sich um weltweites Phänomen, denn im US-amerikanischen Sprachraum spricht man bei diesen Jahren von den Roaring Twenties und in Frankreich von "années folles", um mit einem Adjektiv wie „wild“ die Lebensfreude und die soziale und künstlerische Kreativität dieser Zeit zu dokumentieren.

Bilanziell gesehen waren die ersten Jahre nach dem Krieg und der Inflation allerdings noch nicht so golden. Deshalb spricht die Wirtschaftszeitung „Volkswirt“ auch stattdessen von „Jahren der Stabilisierung“, nachdem sie die Gewinnsituation mit der vor dem Ersten Weltkrieg verglichen hat. Damals konnte die BWK für die Jahre 1911-3 durchschnittlich 19 % Dividende auf 5 Mio. Mark Grundkapital ausschütten, während es nach der Währungsreform zunächst in den Jahren 1924 und 1925 nur 6 % auf das deutlich erhöhte. Grundkapital waren, das jetzt einschließlich des Genussscheinkapitals 14 Mio. RM betrug. Erst 1926 konnte die Dividende dann auf 8% und für 1927 und 1928 schließlich auf 12 % erhöht werden. Die Vorkriegshöhen wurden aber auch damit noch nicht erreicht.

Ein Vergleich der Schlussbilanzen von 1913 und 1926 kann die Wahl des Begriffes „Stabilisierung“ gut begründen, da die Unterschiede gegenüber dem letzten Jahr vor den Turbulenzen des Weltkrieges, der Inflation und der Währungsreform relativ gering sind. So hat sich das Eigenkapital durch die Kapitalmaßnahmen nur um ca. 10% erhöht, wodurch vor allem der Wert der Fabrikgebäude aufgestockt wurde, während die Lagerbestände, die der BWK zu Gewinnen während der Kriegsjahre verholfen hatten, noch deutlich unter ihrem Vorkriegsniveau lagen, auch wenn sie in den Jahren 1924, 1925 und 1926 bereits wieder kräftig aufgebaut worden waren.

Bilanzdaten nach der Stabilisierung in 1000 RM


Schlussbilanz zum 31.12.1913

Goldmark-Eröffnungsbilanz vom 1.1.1924

Schlussbilanz zum 31.12.1926
Grundstücke
1.118
1.402
1.531
Wohngebäude
440
558
740
Fabrikgebäude
5.156
5.532
6.091
Maschinen usw.
3.564
2.366
3.096

Anlagen insgesamt

10.278
9.858
11.458
Wertpapiere
500
335
325
Betriebsstoffe
621
1.323
1.071
Rohwolle, Fabrikate
5.491
1.111
3.776
Kasse, Wechsel
1.058
298
439
Schuldner
3.400
2.486
3590
Bankguthaben
2.554
324
Incl.
Debitoren (Forderungen)
5.954
3.108
4.029
Bilanzsumme
23.963
15.634
20.659
Eigenkapital
11.500
13.032
13.032

Quelle: Volkswirt vom 29.4.1927




Die Wahl zwischen Lagerhaltung und ihrer Finanzierung


Das Jahr 1926 ging zunächst als ein Rekordjahr in die Unternehmensgeschichte der BWK ein, da die AG mit ca. 20 Mio kg ihre höchste Jahreserzeugung seit der Gründung des Betriebes erzielte. Und dabei wurden sogar weitere Steigerungsmöglichkeiten gesehen, sodass man eine Erweiterung der Kreuzzucht-Kämmerei, also der Kammzugproduktion aus der Wolle von Crossbreeds, sowie erhebliche Modernisierungsinvestitionen in den Jahren 1927-8 plante.

Und diese Erwartung trog zunächst in keiner Weise, denn das Jahr 1927 verdiente „innerhalb der Aufschwungjahre nach der Währungsreform ein ganz besonderes Prädikat“. So schriebt damals der sehr sachlich berichtende Volkswirt von einem „starken G e s c h ä f t s a u f s c h w u n g“, um auf den außergewöhnlichen Abschluss bereits drucktechnisch hinzuweisen und erneut von einer Jahreserzeugung zu berichten, die „die größte seit Bestehen der Gesellschaft“ war.

Die BWK-Produktion 1927 (1926)


1927 in Mio. kg
1926 in Mio. kg
Veränderung in %
Umsatz (in Mio. RM)
32,5
25,8
26,0
Reingewinn (in Mio. RM)
2,7
1,5
80,0
Verarbeitete Rohwolle
52,8
38,6
36,8
Kammzug
19,8
15,3
29,4
Gewaschene Wolle
3,8
1,8
111,1

Quelle: Volkswirt vom 27.4.1928)



Mit einem Reingewinn von 2,69 Mio. RM wurden somit 1927 eine Umsatzrendite von gut 8 Prozent und bei einem Eigenkapital von ca. 13,5 Mio. RM, d.h. weiterhin 10,4 Mio. RM Aktienkapital und 3,1 Mio. RM Reserven und Genussscheinen, eine außergewöhnliche Eigenkapitalrendite von 20 % erzielt.

1928 sankt dann der Rohertrag aufgrund volatiler Preise und damit schwankender Beschäftigung sowie gestiegener Löhne und Steuern, wodurch es nur noch zu weiteren Umsatzanstiegen, die allerdings aus Preiseffekten resultierten und daher keine größeren Beschäftigungs- und Ertragseffekte hatten. Die Boom-Jahre mit einigen wirtschaftlichen Übertreibungen schienen sich nicht mehr fortzusetzen.


Dank dieser Jahre der Stabilisierung konnte das Management wieder seine Politik der Schwerpunktsetzung von Lagerhaltung und Liquidität betreiben, die nicht durch die Restriktionen des Krieges und die Zwänge der Inflation diktiert wurde. So wurden wieder höhere Bestände an Rohwolle und Fabrikaten aufgebaut, die allerdings auch 1929 noch nicht wieder das Niveau von 1913 erreichten. Gleichzeitig lagen nach den Erfahrungen der Inflationszeit sowohl die Forderungen als auch die Verbindlichkeiten deutlich unter den Werten von 1913.


Lagerhaltung, Debitoren und Kreditoren in 1000 Reichsmark


1913
1924
1925
1926
1927
1928
1929
Betriebsstoffe
621
1.331
1.159
1.071
1.337
1.759
1.724
Rohwolle, Fabrikate
5.491
3.000
2.810
3.776
2.862
3.093
4.366
Debitoren (Forderungen)
5.954
3.580
2.476
4.029
7.161
3.406
2.949
Kreditoren (Verbindlichkeiten)
8.990
4.663
4.290
5.665
6.830
4.330
4.816
Quelle: Volkswirt vom 27.4.1928 und vom 2.10.1931 (Bei Werten Widersprüche zwischen beiden Zeitungsausgaben)

Der Beginn der Weltwirtschaftskrise


Das Ergebnis des Jahres 1928 musste damit jedoch keineswegs berechtigte Sorgen auslösen, da es noch ganz im Rahmen der auf dem Wollmarkt üblichen Schwankungen lag. In diesem Fall kann man es im Nachhinein jedoch auch als Vorspiel zu der dramatischen Weltwirtschaftskrise sehen, die weltweit zu einer hohen Arbeitslosigkeit führte, die antidemokratische Parteien stärkte und damit letzthin auch eine Stimmung vorbereitete, die den zweiten Weltkrieg begünstigte.

In Deutschland spielte in der Entwicklung der Krise ein Wettbewerber der BWK in der Nachbarstadt Delmenhorst eine wichtige Rolle, was nicht ohne Auswirkungen auf das Kämmereigeschäft in Deutschland blieb. Die Eigentümer der dortigen Norddeutschen Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei hatten durch eine aggressive Expansionspolitik den Verschuldungsgrad so stark erhöht, dass sie in eine erhebliche Abhängigkeit von der Darmstädter und Nationalbank, dem damals zweitgrößten deutschen Kreditinstitut, geraten waren. Diese Bank selbst war aufgrund ihres hohen finanziellen Engagements als Teilhaber und Kreditgeber an der Nordwolle selbst ebenfalls wenigstens auf ein Überleben der Nordwolle angewiesen. Da sich die Wollpreise und damit auch die Gewinnmargen der Kämmereien im Zuge der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930-er Jahre nicht wie erwartet erholten, verschlechterten sich die Bilanzrelationen der Nordwolle, die daher Schwierigkeiten hatte, ihre auslaufenden Kredite zu verlängern. Die Eigentümerfamilie versuchte daher durch einen weiteren Ausbau ihres Textilimperiums, den Kauf von Luxusgütern und den Bau eines schlossähnlichen Wohnsitzes ihre wahre finanzielle Situation zu verschleiern, um weiter kreditwürdig zu bleiben. Das gelang auch zunächst, bis am 17. Juni 1931 ein hoher, existenzieller Verlust der Nordwolle bekannt wurde. Als der Textilkonzern daraufhin in Konkurs ging, musste sich auch die Danat-Bank als zahlungsunfähig erklären, was eine Abhebe-Welle auf die Konten bei allen Kreditinstituten führte und das Vertrauen in das gesamte deutsche Bankensystem.


                  Aktie der Nordwolle von 1927


International löste England in diesem Jahr Währungsturbulenzen aus, als es den Goldstandard des Pfund Sterling aufgab, da immerhin ca. 90% aller Wollgeschäfte in dieser Währung getätigt wurden.

Eine sehr praktische indirekte Folge der Weltwirtschaftskrise war 1932 der gemeinsame Erwerb der Hamburger Wollkämmerei aus der Konkursmasse der Nordwolle durch die BWK und die Kämmereien in Döhren und Leipzig, nachdem zuvor ein Versuch deutscher und westeuropäischer Wollhändler gescheitert war, die Hamburger Wollkämmerei als Konkurrenzunternehmen zu den anderen deutschen Kämmereien zu erhalten, die eine gemeinsame Preispolitik betrieben.

Die Vorteile dieser bereits seit 40 Jahren bestehenden „Konvention“ wurde gerade in den Krisenjahren sichtbar, als die Leipziger Wollkämmerei sogar die Dividende für 1931/2 erhöhen konnte. Hintergrund waren die im Lohngeschäft als überhöht geltenden vereinbarten Preise, die über denen des Eigenhandels lagen und viele Kammzugkunden ins Ausland ausweichen ließen. (Volkswirt vom 5.5.1933) Ohne diese Preisvereinbarung war das „Zugmachergeschäft“ hingegen weiterhin „unlohnend“, wie die BWK in ihrem Geschäftsbericht 1932 feststellte.

Auch der Kauf der Hamburger Wollkämmerei steht im Rahmen dieser Preisabsprache, da auf diese Weise eine deutsche Konkurrenz verhindert werden sollte. Das war der BWK sogar so wichtig, dass sie durch einen Kaufkredit in Höhe von 450.000 RM ihre Bankschulden im Vergleich zu den Bankguthaben ansteigen ließ und für diese AG ungewöhnliche hohe Kreditzinsen von 171.000 RM ausweisen musste.


Und auch die gekaufte Kämmerei hatte offenbar betriebswirtschaftlich gesehen gar nicht den Wert, den die drei Aufkäufer im Hinblick auf ihre vorteilhafte Marktsituation zu zahlen bereit waren; denn die neue Beteiligung wurde bei der BWK, die knapp die Hälfte der Aktien übernahm, auf gut 60 % abgeschrieben, bei der Döhrener Wolle sogar auf 30 % und bei der Leipziger Wollkämmerei auf 20 %. Ziel des Kaufs war also nicht der Erwerb einer rentablen Tochter, sondern eine Begrenzung der Produktion in Hamburg, wodurch die drei Aufkäufer ihr wenig profitables „Eigengeschäft wieder mehr einschränken und damit ihr konjunkturelle Risiko senken“ konnten (Volkswirt vom 5.5.1933).

Allerdings ließ sich diese Preispolitik nicht ohne Gegenreaktion der Spinnereien und des Wollhandels durchsetzen. So musste man 1933 wegen steigender Kammzugimporte die Kammlöhne der Konvention senken. 


Ohnehin begannen jetzt kritische Jahre bei der Versorgung mit Rohwolle, da eine Dürre in Australien und Südafrika die Wollpreise 1934 kräftig ansteigen ließ, bevor dann eine Devisenknappheit in Deutschland den Wollbezug einschränkte und erstmals zur Bearbeitung von „Kunstspinnfasern“ zwang.


Die Schwankungen des Geschäftsumfangs 1913 – 1935


In einer längerfristigen Betrachtung, wie sie dank einigen Schätzwerte der Zeitschrift „Der Deutsche Volkswirt“ trotz der damals noch sehr geringen Publizitätspflichten möglich ist, kann für einen zwölfjährigen unkriegerischen Zeitraum die Besonderheiten des Kämmereigeschäfts veranschaulichen. So lässt sich über den gesamten Zeitraum selbst bei diesem führenden Unternehmen des Industriezweigs keine Trend zu einer steigenden Nachfrage erkennen, wie das für viele Teile der Konsumgüterbranche aufgrund einer wachsenden Bevölkerung und auch teilweise steigender Einkommen typisch ist. Vielmehr ist, wenn überhaupt ein Rückgang der Produktion zu erkennen, wobei diese Entwicklung jedoch durch kräftige Steigerungen in den Jahren 1927 und 1928 sowie 1933 unterbrochen wurde. Daneben hat sich die gewaschene Wolle eher gegenläufig zur Kammzugproduktion behauptet und 1935 sogar ihren Höchstwert erreicht. Insgesamt gesehen waren also die Wollwäsche und Kammzugproduktion in dieser Zeit ein eher stagnierendes Geschäft, das allerdings kurzfristig abrupte Sprünge aufwies. 

Produktion der BWK in Mill. kg bzw. RM

Produkt
1913
1924
1925
1926
1927
1928
1929
1930
1931
1932
1933
1934
1935
Kammzug
16,0
17,2
14,3
15,3
19,8
19,3
17,2
16,3
15,4
15,5
18,2
14,92
12,03
Gewaschene Wolle
-
3,1
2,4
1,8
3,8
3,7
3,5
3,3
3,0
2,53
2,35
2,64
4,43
Verarbeitete Wolle
38,6
42,3
36,4
38,6
52,8
52,7
43
42,2
36,8
37,8
43,0
35,5
32,6
Umsatz
-
-
-
25,8
32,5
33,7
35,6
27,8
28,3
24,6
30,0
36,75
-
-: keine Daten veröffentlicht
Quelle: Volkswirt vom 27.4.19128, 2.10.1931, 13.5.1932, 18.4.1935 und 30.4. 1936

Die Jubelfeier zum 50. Geburtstag im „neuen“ Deutschland


1934 war ein ganz besonderes Jahr in der Geschichte der BWK. Dabei musste man sich mit einer Reihe von Restriktionen herumschlagen. Dazu zählten Devisenbeschränkungen der neuen Reichsregierung, die im Juli und August zu einer Kurzarbeit von nur 24 Wochenstunden führte. Auch war man trotzdem aufgrund einer Faserstoffverordnung zu mindestens 36 Wochenstunden gezwungen. Und die Eingriffe in den Markt gingen sogar noch weiter, da die BWK die Bearbeitung von Kunstspinnfasern aufnehmen musste, für die es praktisch keine Nachfrage gab.

Alle die Sorgen und Probleme mit der Hitler-Regierung schienen jedoch bei einem Großereignis vergessen zu sein, das die Weser-Zeitung unter der Überschrift „Die größte Wollkämmerei der Welt“ als „Jubelfeier“ in Blumenthal geschildert hat.


Festlich geschmückt, mit unzähligen grünen Girlanden an der Decke und den Wänden, die große Halle der „Bremer Wollkämmerei“ in Blumenthal, die heute nicht wie an den sonstigen Werktagen der Arbeit dient, sondern als Festsaal für die große, an die 4000 Köpfe zählende Gefolgschaft zur Feier des 50jährigen Bestehens des Unternehmens hergerichtet ist. Gerade reicht die riesige Halle aus, um die Tausende der Festgemeinde aufzunehmen. In der Mitte der Längswand ist eine Ehrentribüne, geschmückt mit den Wahrzeichen des neuen Deutschland, aufgestellt. Davor viele Reihen Stühle für die Ehrengäste und die Altgedienten der Männer und Frauen, die in dem zurückliegenden halben Jahrhundert in Arbeit und Ehren auf dem Werk grau geworden sind. Auf einer Tafel davor die zahlreichen Ehrengeschenke für die Jubilare, die in immer steigender Zahl alljährlich im Oktober eine verdiente Ehrung erfahren und heute an diesem Ehrentage des Unternehmens, verdientermaßen mit im Vordergrund des Gedenkens stehen. Die Angehörigen der Standarte 29 haben in der Mitte der weiten Halle Aufstellung genommen. Der Musikzug leitet den Festtag mit schwungvollen Marschweisen ein. Unter ihren Klängen marschiert eine Kolonne des NS Freiwilligen Arbeitsdienstes ein, die auf besonderen Wunsch an der heutigen Feier ihres Werkes teilnimmt. Dann folgen die Abordnungen mit den Werksfahnen, die auf der Ehrenbühne einen Halbkreis bilden und mit dem leuchtenden Rot ihrer vielen Fahnen dem festlichen Aussehen der Halle einen wirkungsvollen Hintergrund verleihen.“

Nach dieser Schilderung des Versammlungsraums und der damals üblichen Einleitungszeremonie, durch die Unterschiede zwischen Staat, Partei und Unternehmen verwischt wurden, ging der Autor ganz kurz auf die 
Rede des Direktors Jung ein, um sich dann wieder auf die schon sehr eingeübt scheinenden Riten zuzuwenden, die ganz und gar die schwierige Lage des Unternehmens aufgrund der Regierungspolitik ausblendeten und vor allem Loyalität zeigten. So „schenkte die Bremer Wollkämmerei allen ihren männlichen Arbeitern eine Festanzug der Deutschen Arbeitsfront, der zu Ehren des Tages zum ersten Male von der gesamten Gefolgschaft angelegt ist“. Aber auch die Frauen gingen nicht leer aus, denn sie mussten sich nicht über eine Einheitsuniform freuen, sondern erhielten „statt dessen zu diesem Tag ein Geldgeschenk“, durften also shoppen gehen, soweit das damals schon oder nach den Goldenen Zwanzigern noch möglich war. 

Der Direktor scheint sich in seiner Rede weniger mit der aktuellen Situation, sondern der Größe seines Unternehmens beschäftigt zu haben. Dafür stehen seine Hinweise auf derren Kapazität, die dem "Schurergebnis von vierzehn Millionen Schafen oder viermal der Menge, die Deutschlands Schafzucht jährlich ergibt“, entsprach.

Am Ende der Rede stand die offenbar bereits üblich gewordene Formel, mit der die „Zuversicht und der Glaube an einen neuen Aufstieg der deutschen Wirtschaft“ ausgedrückt werden sollte. Es gab also ein "Sieg Heil“ „auf des Reiches Führer und Kanzler“, wie der Autor erläutert.

Anschließend sprachen noch ein Vertreter der Gefolgschaft, also der Mitarbeiter, der Aufsichtsratsvorsitzende, der vor allem den Direktor Richard Jung würdigte, der Regierungspräsident, der die Bedeutung der BWK unter ihrem „jetzigen Führer“ herausstellte, und der Gaupropagandaleiter, der die Wünsche der Gauleitung, der Deutschen Arbeitsfront und des Reichspropagandaministers überbrachte, also von Funktionsträgern, deren Zusammenhang mit dem Unternehmen sich aus heutiger Zeit nicht mehr nachvollziehen lässt.


Am Ende der Rednerliste stand der Kreisleiter, der das Blühen des Werkes als gleichbedeutend mit dem Blühen der damals noch selbständigen Gemeinde Blumenthal bezeichnete. Nach dem Abspielen des Badenweiler Marsches, der als Lieblingsmarsch des Führers in offiziellen Veranstaltungen und Aufmärschen sehr häufig zu hören war, also auch eine Art der Ehrerbietung darstellte, folgte die traditionelle Ehrung der Arbeitsjubilare, die als Geschenke goldene Uhren oder als Schwerbeschädigte „zur Erinnerung an diesen Festtag das Werk des Führers „Mein Kampf“ erhielten. In der Dankesrede wurde dann von Vertretern der Mitarbeiter „für die gesamte Gefolgschaft“ mit „schlichten, von Herzen kommenden Worten“ auf ein „einiges Band der Kameradschaft mit dem Werk und seinem Führer“ hingewiesen, das als „Gelöbnis weiterer, unerschütterlicher Treue“ verstanden werden könne.
  
Während anschließend für die Werksangehörigen in der großen Halle eine „frohe Feier“ vorbereitet hat, zu der eine Reihe von Künstlern verpflichtet worden war, ging im Direktionszimmer der Empfang der Gratulanten weiter, wo auch der bereits 1933 von der NS-Regierung ernannte Bremer Bürgermeister, die Glückwünsche aus der damaligen benachbarten Großstadt Bremen überbrachte.


Die BWK am 50. Geburtstag


Etwas mehr über die damalige technische und wirtschaftliche Situation der BWK erfährt der Leser in einem noch erhaltenen Artikel, der damals in der Berliner Börsen-Zeitung und im Wirtschaftsdienst Hamburg erschienen ist. Danach besaß die BWK mehr als 1.000 Kammstühle. Bei einer vollen Auslastung ihrer Kapazität konnte sie damit jährlich 50 Mio. kg Rohwolle und 6 Mio. kg Tuchwolle, verarbeiten, wozu knapp 4.000 Mitarbeiter erforderlich waren.

Die Wollverarbeitung erfolgte vorwiegend in Lohnarbeit, wurde jedoch durch ein Geschäft auf eigene Rechnung ergänzt, um die Produktion im Jahresablauf zu verstetigen, da sonst aufgrund der Eigengesetzlichkeiten des Wollmarktes leicht für einige Wintermonate ein Stillstand des Betriebes eintreten würde.

Aber nicht nur auf dieses Geschäftsmodell war das Unternehmen stolz, sondern auch auf die Verbindung einer „glücklichen Lage“, also des Standortes unmittelbar an der schiffbaren Weser, mit modernen technischen Anlagen. Die umfassten 1934 neben vierstöckigen Lagergebäuden ausgedehnte helle und luftige Shedbauten für die Fabrikation, die Wollsortierung, Wäscherei, Krempelei, Vorstrecken, Kämmerei, Plätterei, Packerei und die Tuchwäsche. Diese durchorganisierten Maschinerie, in der die einzelnen Produktionsschritte optimal aufeinander abgestimmt waren, wurden durch moderne Kesselanlagen, Dampfmaschinen und Turbinen angetrieben. Viel Bewunderung fand auch der sorgfältige Transport der Rohwolle auf dem Werksgelände. Nachdem die Rohwollballen an dem 370 m langen Kai an der Weser unmittelbar von den Überseedampfern gelöscht wurden, sorgten Drahtseilbahnen und Gleisanlagen für einen zügigen Transport in die einzelnen Fabrikationsräume.

Viel beachtet wurde auch die Verwertung des „Schmutzanteils“ im Wollwaschwasser, aus denen Wollfett, Pottasche und stickstoffhaltiger Dünger gewonnen wurden, den man vor allem an die Baumwollplantagen in Nordamerika lieferte.

Teilweise erschien das Werk sogar eine fast autonomen Produktionsstadt zu sein, da eine eigene Seifenfabrik die für das Waschen der Wolle erforderliche Seife selbst herstellte und eigene Werkstätten die Instandhaltung und teilweise auch die Konstruktion von Maschinen und Werkzeugen übernahmen.


Dieser Eindruck wurde noch durch die Größe des deutlich vom übrigen Blumenthal abgegrenzten Betriebsgeländes unterstützt, denn das Unternehmen hatte seinen schon riesig zu nennenden Grundbesitz während der Gründung in den ersten 50 Jahren seines Bestehens noch erweitert. Im Jubiläumsjahr umfasste er so über 600.000 qm, von denen allerdings nur 250.000 qm bebaut waren, und zwar 230.000 qm mit Fabrik- und 21.000 qm mit Wohngebäuden.


Das Geschäft der BWK in der reglementierten NS-Wirtschaft


Die starke Abhängigkeit des Wollgeschäfts vom Welthandel und vor allem den zur Verfügung stehenden Devisen beeinträchtigte rasch das Geschäft der BWK nach der Machtübernahme Hitlers, als die wirtschaftspolitischen Prioritäten rasch in Richtung Autarkie und zulasten der Konsumgüterindustrien gesetzt wurden. Damit waren im „neuen“ Deutschland, wie es damals in der Sprache des NS-Regimes hieß, ganz erhebliche wirtschaftliche Verwerfungen verbunden. Das zeigt sich auch im Außenhandel mit Kammzügen, also einem für die BWK ganz wichtigen Umsatzbereich. Hier halbierte sich 1934 praktisch der Außenhandel gegenüber dem Vorjahr und auch im folgenden Jahr trat nur bei der Einfuhr eine teilweise Korrektur in Richtung der alten Zahlen ein. Insgesamt gesehen wurde Deutschland in dieser Zeit von einem wichtigen Händler von Kammzügen, wobei 1928 diese Bilanz fast ausgeglichen war, zu einem fast reinen Importeur, da die Ausfuhr 1935 praktisch auf ein Zehntel ihres früheren Wertes zusammenbrach.


Deutscher Außenhandel mit Kammzügen in 1.000 kg


1928
1929
1930
1931
1932
1933
1934
1935
Einfuhr
10.494
10.275
10.899
14.271
17.969
19.242
10.741
14.353
Ausfuhr
10.616
8.825
8.760
9.220
4.476
4.054
2.018
967
Saldo
122
1.450
-2.139
-5.051
-13.493
-15.185
-8.723
-13.386
Quelle: Volkswirt vom  27.4. 1934, 30.4.1936

Dadurch sank die Kammzugproduktion der BWK 1935 um fast 20% von 14,92 auf 12,03 Mio. kg. Die Produktion gewaschener Wolle stieg hingegen. Dabei handelte es sich vor allem um deutsche Schafwolle, die sich häufig nicht für die Kammgarnerzeugung eignete, sondern als Streichgarn Verwendung finden musste. Dadurch reduzierte sich die Gesamtmenge der verarbeiteten Wolle nur um 8% von 35,45 auf 32,61 Mio. kg.  

Damit war die Verarbeitungskapazität von 50 Mio. kg allerdings nur zu zwei Dritteln ausgelastet, sodass im letzten Quartal 1935 die Arbeitszeit auf 25 Stunden pro Woche reduziert werden musste. Dafür sahen die Bremer Nachrichten damals auch eine Ursache im starken Zuwachs der Importe, der 1935 um ein Drittel über der Menge von 1934 lag. Ein Ausgleich durch einen vermehrten Zellstoffeinsatz war nur in „bescheidenem Umfang“ möglich, da der Einsatz von Mischgarn bei der Webgarnherstellern in dieser Zeit noch auf erhebliche „Schwierigkeiten gestoßen“ ist.


Die Eingriffe in den Markt zielten jedoch nicht nur auf eine größere Autarkie beim Einsatz von Rohstoffen, sondern betrafen auch den Finanzmarkt, der vor allem der Staatsfinanzierung dienen sollte. Deshalb wurden durch das Gesetz über die Gewinnverteilung bei Kapitalgesellschaften (Anleihestockgesetz) vom 4. 12. 1934 die Dividenden-Ausschüttungsmöglichkeiten der Aktiengesellschaft begrenzt. Erklärtes Ziel war es dabei, die Binnenfinanzierung der Unternehmen zu stärken. Als praktische Folge verloren jedoch Aktien ihre Attraktivität, sodass es kaum zu Neuemissionen kam und der Kapitalmarkt nur noch selten für Kapitalerhöhungen benutzt wurde.

Während der private Sektor dadurch wenig frisches Kapital erhielt, stieg zwischen 1933 und 1938 der Wert der notierten öffentlichen Anleihen von 10,8 auf 24,1 Mrd. RM, die vor allem in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen flossen.



Die Verflüssigung der Bilanz 1937-8


In seinem Artikel über die Bilanz des Geschäftsjahres 1934 macht die Wirtschaftszeitung „Der Deutsche Volkswirt“ erstmals auf eine „flüssigere Bilanz“ der BWK aufmerksam und stellt dabei als Beleg den zwischen 1933 und 1934 gesunkenen Wert des Anlagevermögens heraus. Wie die folgende Tabelle für den Zeitraum 1931-8 belegt, ist das jedoch keineswegs nur die Entwicklung eines Jahres. Vielmehr sind in den acht Jahren bei einer nur wenig veränderten Bilanzsumme die Sachwertpositionen, also Anlagevermögen und Vorräte, deutlich gefallen, während die Liquidität unter Schwankungen kräftig gestiegen ist und im Jahr 1938 erstmals über dem Wert der Vorräte lag.

Das Anlagevermögen ist immer auch ein Indikator für die Zukunftserwartungen des Management, das neue Anlagen möglichst rechtzeitig zur Verfügung haben will, wenn es mit einer steigenden Nachfrage rechnet. Diese Zahlen besagen daher über die tatsächliche Beurteilung mehr als verbale Erklärungen.

Wenn man an den Ersten Weltkriegs und einige Krisenjahre 
zurückdenkt, haben in diesen Zeiten immer die Lagerbestände eine ganz wichtige Rolle gespielt, um sowohl von den erheblichen Schwankungen auf dem Wollmarkt profitieren zu können und auch bei niedrigen Kammlöhnen und schleppendem Geschäft aus Wollverkäufen noch ein positives Ergebnis darstellen zu können, das sogar die Ausschüttung einer Dividende ermöglichte. Das setzt jedoch entsprechende Lagerbestände voraus, die am Vorabend des Ersten Weltkrieges mit über 6 Mio. in der Bilanz standen, wobei die Bilanzsumme 24 Mio. betrug. Diese günstige Situation bestand 1938 nicht, da die Rohstoffe, Halb- und Fertigerzeugnisse mit knapp 3 Mio. RM bei einer Bilanzsumme von 22,2 Mio. RM ausgewiesen wurden.


Ausgewählte Bilanzdaten in der Vorkriegszeit 1931-38 in 1.000 RM


1931
1932
1933
1934
1935
1936
1937
1938

Anlagen insgesamt

11.561
10.841
10.070
9.422
8.540
7.730
7.370
7.200
Vorräte
4.694
7.210
6.833
4.869
6.457
5.233
4.522
2.948
Kasse, Bank
(244) (1)
181
1.226
4.772
4.056
4.372
3.758
6.197
Bilanzsumme in Mio. RM
20,4
23,6
25,2
23.6
22.6
20.9
20.4
22.2
1) einschließlich Wechsel, die 1932 einzeln mit 55.000 RM aufgeführt sind.
Quelle: Volkswirt vom 30.4.1936 und 9.6.1939

Dieser Rückgang der Sachwerte ist jedoch nur ein zentraler Trend in den Jahren vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges. Eine größere Veränderung gab es auch mit einer Tendenz vom Kamm- zum Streichgarn, weshalb die Rohwolle in Blumenthal nur gewaschen wurde. So wurde die stark gestiegene Waschwollerzeugung 1937 auf 7,9 Mio. kg und damit einen neuen Rekordwert geschätzt, während die Kammzugproduktion auf 10, 4 Mio. kg und damit um 2 Mio. kg gegenüber dem Vorjahr gefallen ist. Gleichzeitig betrug in diesem Jahr die Bearbeitung von Zellwollzug bereits 4,2 Mio. kg, sodass die gesamte Kammzugproduktion bei 14,5 Mio. kg lag und damit sogar um 8% gegenüber dem Vorjahr gestiegen sein dürfte. Daher konnte die BWK wieder 3.750 Mitarbeiter gegenüber nur 3.200 im Vorjahr beschäftigen (Volkswirt vom 8.7.1938 ).



1938 wurde die „starke“ bzw. „auffallende Verflüssigung“, die wiederum ausschließlich im Vergleich zum Vorjahr gesehen und ermittelt war, in erster Linie auf die „Verminderung der Vorräte um gut 1,5 Mio. RM zurückgeführt. Dafür suchte eine Zeitschrift in der damaligen Zeit jedoch nicht nach Gründen bei den politischen Rahmenbedingungen, sondern in einem Vorjahresvergleich, wenn sie schrieb: „Dieses Zusammenschmelzen der Warenbestände (ist nicht) auf eine absichtliche Betriebspolitik des Unternehmens des Unternehmens, sondern auf die verschiedensten Zufälligkeiten zurückzuführen. Insofern hat man es hier mit einem abnormalen Zustand zu tun, was noch dadurch unterstrichen wird, dass die Warenvorräte in den vorhergehenden Jahren bei wesentlich geringeren Umsätzen weit höher waren“. Das klingt als Erklärung wenig überzeugend, wenn bereits 1934 erstmals auf die Tendenz hingewiesen wurde und sogar die normale Abhängigkeit vom Umsatz eine ganz andere Tendenz erwarten lässt, worauf sogar explizit hingewiesen wird.

Man wird also kaum von der Hand weisen können, dass die BWK anders als am Vorabend des ersten Weltkrieges trotz der Kriegserwartungen wegen der begrenzten Devisen für nichtmilitärische Rohstoffe keine Lagebestände aufbauen konnte, sondern ihre Liquidität halten musste, da sie anscheinend nicht wieder in großem Stil Staatsanleihen kaufen wollte, die später abgeschrieben werden mussten.

Das hat sich dann nach den beiden ersten Kriegsjahren geändert, als mit dem größten Teil des Kassenbestandes Rohstoffe aus der Kriegsbeute gekauft wurden. 1942 sanken dann im Verlaufe des Krieges die Lagerbestände und die BWK musste sich nolens volens durch Staatsanleihen an der Finanzierung des Krieges beteiligen.

Die Reduktion der Vorräte während der NS-Wirtschaftspolitik 1933-1938 in Mio. RM


1933
1934
1935
1936
1937
1938
Vorräte insgesamt
6,83
4,87
6,48
5,23
4,52
2,95
Rohstoffe
2,83
2,37
2,89
2,74
2,06
1,61
Halbfabrikate
0,70
0,44
0,38
0,20
0,19
0,06
Fertigerzeugnisse
3,31
2,06
3,19
2,30
2,28
1,29
Quelle: Volkswirt vom 30.4. 1936 und  9.6.1939


Die Nothelfer Zellstoff und Bast



1935 begannen die Jahre, in denen die BWK auf die Schwierigkeiten bei der Wollbeschaffung durch die Verwendung anderer Fasern reagiert hat. So spricht der Geschäftsbericht 1936 von „asiatischen und anderen exotischen Wollen“, deren Verarbeitung bei der BWK eine größere Rolle spiele, „als dies je bei uns der Fall gewesen ist“.

Wichtiger im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung war jedoch die erstmalige Verwendung von Zellwolle. Dabei handelt es sich um Zellulose, die durch den Einsatz geeigneter Chemikalien aus Sägespänen gewonnen wird.


Die Zellwolle war die zweite Kunstfaser, die aus dem preiswerten und auch in Deutschland reichlich vorhandene Rohstoff Holz dank chemischer Entdeckungen herstellen lässt. Eine ganz große Karriere war bereits um 1900 der Wuppertaler J. P. Bemberg AG mit ihrer Kupfer-Kunstseidenproduktion gelungen, die feiner als andere Fasern war, einen matten naturseidenähnlichen Glanz besaß und sich sehr gut färben ließ. „Bemberg-Seide“ wurde damals zum Inbegriff für Damenstrümpfe aus Kunstseide, nicht zuletzt durch Werbekampagnen, für die bekannte deutsche Schauspielerinnen wie Marlene Dietrich engagiert wurden.

Anders als der Kunstseide, die die Welt der Damenstrümpfe bis zur Erfindung von Nylon prägte, war der Zellwolle als zweitem Faserprodukt auf der Basis Holz, bei der die Zellulose mit Wasser, Natronlauge und Schwefelkohlenstoff zu einem Viskosebrei verarbeitet und durch Spinndüsen zu Viskosegarn verfestigt wird, zunächst kein wirtschaftlicher Erfolg beschieden. Der heute verwendete Begriff der Viscosefasern bezieht sich auf diesezähflüssige oder viskose Masse.

Wegen ihrer nicht unumstrittenen Produkteigenschaften wurde Zellwolle lange Zeit nur in Deutschland in nennenswerten Umfang produziert, und das vor allem aufgrund von Vorgaben durch die NS-Wirtschaftspolitik.

So begann die industrielle Produktion in Deutschland zwar bereits 1916, also am Ende des ersten Weltkrieges als viele Rohstoffe knapp wurden, unter dem Markennamen "Vistra" in Stettin und wurde nach dem Krieg von einer ehemaligen Schießpulverfabrik, der Köln-Rottweil AG, hergestellt, die nach den Demilitarisierungsbeschlüssen neue Produkte suchte und dabei Nitrozellulose gegen Zellwolle austauschen wollte. Aber erst seit der Eingliederung der Köln-Rottweil AG in den Großkonzern I.G. Farben, die 1926 erfolgte, wurde "Vistra" intensiv beworben und in enger Absprache mit den Kunden weiterentwickelt. So gelang 1929 die Herstellung eines Wollstra genannten Mischgarns aus Wolle und Vistra sowie 1931 die Rationalisierung der Verarbeitung durch das Vistra-Spinnbandverfahren, an der auch die BWK beteiligt war.

Dennoch blieben die verkauften Mengen relativ gering, da die Kunden die geringe Qualität der im Ersten Weltkrieg produzierten Stapelfaser noch in guter Erinnerung hatten. So lag die Jahresproduktion 1928 bei 400 t und stieg 1929 auf 1.600 t. Das änderte sich erst durch eine mit administrativen Maßnahmen abgesicherte Wirtschaftspolitik. So wurde 1936 in Wolfen mit Mitteln des Deutschen Reiches für die Herstellung von Vistra das damals größte Faserwerk der Welt errichtet und der Science-Fiction-Autor Hans Dominik schrieb im Rahmen einer Werbekampagne ein Buch mit dem Titel „Vistra, das weiße Gold Deutschlands“.

Damit erhielt die Produktwerbung auch eine neue Ausrichtung, da sich die Vistrafaser in besonderer Weise zur Legitimation der
nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik eignete, wenn man seit 1934 an die deutschen Frauen appellierte, nicht nur etwas Vorzügliches zu kaufen, wie es bereits zuvor hieß, sondern gleichzeitig auch in Deutschland Arbeit zu schaffen und deutschen Arbeitern Lohn und Brot zu geben. (Bluma) Mit Produkten aus Vistra konnte man also etwas für das eigene Aussehen tun und gleichzeitig seinen Patriotismus ausdrücken, da man half, Devisen zu sparen und Deutschland von Ernteausfällen und Spekulation unabhängig zu machen.

Nach und nach gingen daher auch die Produktionszahlen in die Höhe. Wurden so 1932 erst 2.500 t erzeugt, waren es 1939 bereits 212.800 t. (Höschle, S.103)

Besonders forciert wurde die Produktion 1935, als ein Beimischungszwang bei Kammgarn beschlossen wurde, sodass im 1. Halbjahr 1938 bereits 96% aller Kammgarne gemischt waren. (Höschle, S. 121) Auch wurden in diesem Jahr vier regionale Zellwollwerke mit Staatsmitteln gegründet, darunter auch die Thüringische Zellwolle AG in Schwarza. 1939 kamen noch vier weitere Neugründungen in anderen waldreichen Gegenden hinzu. 
(Höschle, S. 101)

Gleichzeitig versuchte man, mögliche Widerstände auf der Seite der Nachfrage abzubauen. So setzte man auf das gute Image des Begriffs „Wolle“ und sprach jetzt nicht mehr von „Kunstspinnfaser“, sondern von „Zellwolle“. Damit das neue Image nicht gleich Kratzer erhielt, verhängte man eine Art Pressezensur zur Zellwolle, sodass kaum Aussagen über die Qualität möglich waren. Sie dürfte jedoch signifikante Schwächen gegenüber den Naturfasern besessen haben (Höschle, S. 124 ). Nachteile waren Löseerscheinungen bei Wasser, sodass, wie in ausländischen Medien berichtet wurde, es ein „erbärmlicher Anblick“ war, wenn deutsche Männer mit zellwollegemischten Hüten in Regenschauer kamen, die Elastizität und die Waschfestigkeit, was eine geringe Lebensdauer für die Kleidungstücke bedeutete.

Diese Schwächen wurden jedoch im Zuge technischen Weiterentwicklungen kaum beseitigt. Vielmehr trat 1937/8 durch Umstellung von ausländischem Fichten- auf deutsches Buchenholz ein weiterer Qualitätsverlust ein. (Höschle, S. 125). Daher war die Beimengung bei Wolle auf maximal 30% begrenzt. (Höschle, S. 128)

Noch größere Qualitätsunterschiede traten allerdings bei Bastfasern auf, für die in Deutschland vor allem Hanf und Flachs eingesetzt wurden. 


Während die Zellwoll- bzw. Vistraverarbeitung 1938 bei der BWK ca. 9,5 kg fast die Menge an Kammzügen aus Wolle erreicht hat, liegen für die Kriegsjahre und die Bastverarbeitung gar keine Zahlen vor. Es wird nur berichtet, dass 1941 die „Gesamtherstellung des Werkes die des Vorjahres übertraf“ und „der Ausbau der Bastfaser-Abteilung, der bei steigender Verwendung heimischer Rohstoffe energisch gefördert wird“, hieran „hervorragenden Anteil“ hatte. (Berliner Börsen-Zeitung vom 31.5.1942)

An dem politischen Versuch, die Schafwolle aus den klassischen Wollexportländern zu substituieren, wirkte die BWK jedoch nicht nur durch die Aufarbeitung dieser Ersatzstoffe in Blumenthal mit. Ein zweiter Weg führte über Beteiligungen an Aktiengesellschaften, die speziell unter dem Einfluss der Reichsregierung für die Entwicklung und Produktion von Ersatzfasern gegründet worden waren.

Hierzu zählte ab 1936 Thüringischen Zellwolle, also eine Gesellschaft, die „zum Zwecke der Rohstoffversorgung der deutsche Wirtschaft gegründet“ wurde und an der sich die BWK erstmals 1936 mit 150.000 RM beteiligte, von denen allerdings gleich 75.000 RM abgeschrieben wurden. Damit kam dieser Beteiligung eher eine symbolische Funktion im Hinblick auf die Politik zu, da die Hamburger Wollkämmerei weiterhin mit 450.000 RM Bilanzwert eine erheblich größeres Gewicht besaß. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die Mittel für die Zellwolle-Beteiligung nur zu einem Drittel tatsächlich einbezahlt waren.

Ein weitere Aufstockung der Beteiligungen erfolgte 1939 mit einem Zugang von 333.000 RM durch eine Aufstockung der Beteilung bei der Thüringischen Zellwolle und ein Neuengagement bei der Wolle und Tierhaare AG (Wotirag), die im August 1939 von über 800 interessierten Firmen und Einzelkaufleuten mit einem 
Grundkapital von 10 Mio. RM gegründet wurde. Geschäftszweck war die „Förderung, Vermehrung und Verbesserung der Produktion von Wolle und anderen Tierhaaren in dafür geeigneten und interessierten Ländern sowie die Förderung ihrer Einfuhr“. Praktisch bedeutete das die Förderung der Schafzucht in der Türkei und in Bulgarien beispielsweise durch die Ausbildung der Schäfer in Schafzuchtmethoden.

Die Beteilungen erreichten durch diesen Zugang einen Gesamtwert von 858.000 RM bei knapp 20 Mio. Bilanzsumme, erreichten alsoeinen Anteil von nicht ganz 5 %, und hatten damit einen ähnlich hohen oder geringen bilanziellen Wert wie die Wohngebäude.


         5.000-RM-Aktie der Wotirag von 1941


1941 erhöhte die BWK ihr Beteiligungsportfolio nochmals in politisch gewünschter Weise, als man Anteile der Bastfaser GmbH in Fehrbellin, die Hanf und Flachs verarbeitete, und an dem reprivatisierten Norddeutschen Lloyd kaufte. Dadurch wuchsen die Beteiligungen auf einen Bilanzwert von 958.000 RM, der 1944, nachdem die Beteiligung an der Thüringischen Zellwolle nochmals aufgestockt wurde, weiter auf 1.072.000 RM anwuchs.


Volks- und Kriegsgemeinschaft statt betriebswirtschaftlicher Fakten



Der Nationalsozialismus und später auch der Krieg haben nicht nur die Arbeit und das Leben in der Kämmerei deutlich geprägt. Sie haben auch Eingang in üblicherweise besonders sachliche Darstellungen wie die Geschäftsberichte einer AG gefunden. Das begann bereits mit der im Februar 1934 geschriebenen Darstellung des Jahres 1933, als über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen „unserer“ Regierung berichtet wurde, und im Jahr drauf die Mitarbeiter erstmals als „Gefolgschaft“ bezeichnet wurden.

Der Einfluss erstreckte sich allerdings nicht nur auf die Sprache, sondern auch auf die Schwerpunkte in der Berichterstattung und, wenn auch vom Volumen her gesehen in eher überschaubarer Weise, auf die Mittelverwendung. Ein regelmäßiger Bestandteil der jährlichen Berichterstattung waren bei der BWK ihre freiwilligen Sozialleistungen, die vor allem Jubilaren zugute kamen. Ab 1935 erhielten von der Kurzarbeit besonders hart Betroffene Sonderzulagen und Weihnachtsgeschenke, 1936 auch Darlehn für die Errichtung von Eigenheimen.

Eine neue Akzentuierung erhielten diese Maßnahmen im Geschäftsbericht 1937, als neben der „Erhaltung jahrzehntealter, bewährter Wohlfahrseinrichtungen“ „die Pflege des Gemeinschaftsgedankens, die soziale Mütterfürsorge, die finanzielle und siedlungspolitische Begünstigung kinderreicher Familien, die sportliche Schulung und die kulturelle Förderung der Gefolgschaftsmitglieder“ in den Vordergrund gerückt wurde
.

Auf Einzelmaßnahmen geht der Bericht für das folgende Jahr ein, der medizinische Bäder in der eigenen Badeanstalt, Erholungsaufenthalte in Heimen der Deutschen Arbeitsfront (DAF), einen größeren Frauensaal als Ruheraum und ein „warmes und reichliches Mittagessen zu einem verbilligten Preis“ für ledige „Gefolgschaftsmitglieder“ und verbilligte Karten für Theater- und Konzertvorführungen nennt, die von der DAF-Unterorganisation „Kraft durch Freude(KdF) veranstaltet wurden.

Eine besondere Erwähnung findet eine Anfang 1938 gegründete Kameradschaftskasse, die zur Hälfte aus „Betriebsmitteln unterhalten“ wird, und dazu diente, um Sportgeräte, Sportkleidung, Uniformen der Werkschar und Werkfrauengruppe sowie Instrumente der Musikzüge zu erwerben. In diesem Jahr taucht auch erstmals eine „Wohlfahrtsstiftung“ mit einem Betrag von 400.000 RM unter den Aufwendungen in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung auf, der damit fast die Höhe des jetzt „Gefolgschafts-Unterstützungsfonds“ genannten alten „Angestellten- und Arbeiterunterstützungsfonds“ erreicht, der nach deutlichen Rückgängen in den Vorjahren 1938 zusätzlich aufgestockt wurde. Laut Geschäftsbericht wurde diese neue Sozialeinrichtung geschaffen, „um die Betriebstreue unserer Gefolgschaftsmitglieder zu belohnen und ihnen im Alter und in Notfällen eine Unterstützung gewähren zu können.“ (Volkswirt vom 9.6.1939)

1939 wurden die Ausgaben für die freiwilligen Sozialleistungen, die trotz der speziellen Jubiläumsausgaben 1934 bei 528.000 RM gelegen hatten, auf 760.000 RM erhöht.

Ab 1941 erfuhren diese Leistungen sogar im Geschäftsbericht eine ungewöhnlich stark emotionale Darstellung und mussten damit fehlende Zahlen etwa zu den tatsächlichen Erfolgen bei den Bastfasern oder zur Profitabilität unter Kriegsbedingungen ganz generell vergessen lassen. So erfolgte die soziale Arbeit „zum Wohle unserer Gefolgschaft“ in „verständnisvoller Zusammenarbeit“ mit den Dienststellen der Deutschen Arbeitsfront, „soweit die Kriegsverhältnisse es erlaubten“, und „die Gesundheit und Leistungsfähigkeit unserer Gefolgschaft im Kriege“ lag uns, wie das Management im Mai 1942 schrieb, „besonders am Herzen“.


In diesem Bericht wurde auch erstmals zwischen zwei Gruppen von Beschäftigten unterschieden, den deutschen Gefolgschaftsmitgliedern und den ausländischen Arbeitskräften. Dabei glaubte die Geschäftsführung jedem deutschen Mitarbeiter besondern Dank zu schulden, weil er durch die verstärkte Einstellung der Ausländer, „die im Betrieb angelernt und in ihrer Arbeitsleistung gefördert werden mussten“, vor Aufgaben gestellt wurde, „die seinen vollen Einsatz verlangten“.

Dabei wurde auch bei den „Maßnahmen zur Erhaltung der Gesundheit und Leistungsfähigkeit“ zwischen beiden Gruppen deutlich unterschieden, denn während man bei den im Betrieb arbeitenden Ausländer von „strenger Gesundheitskontrolle“ sprach, ging es bei den Gefolgschaftsmitgliedern um Zuschüsse zur Beschaffung von Kartoffeln und Zahlungen zur Unterstützung kinderreicher Familien.

Eine besondere Erwähnung erhielten die Verbindungen zu den Werksangehörigen an der Front, zu denen „durch Zusendung von Liebesgaben und Berichten über das Geschehen im Betriebe .. eine lebendige Verbindung zwischen Front und Heimat aufrechterhalten“ wurde. Daher bezeichnete der Geschäftsbericht „die Dankbarkeit und Verbundenheit, die in den Antworten unserer Soldaten immer wieder zum Ausdruck kommt“, als „eine besondere Freude“.


Der Geschäftsbericht 1942 reduzierte die betriebswirtschaftliche Betrachtung dann noch weiter, wenn er die Geschäftsaussichten davon abhängig erklärte, „die der totale Krieg uns stellen wird“. Daher ging das Management in den wenigen Zeilen seines Kommentars zum Geschäftsabschluss ausführlicher auf die Verleihung eines Gaudiploms für hervorragende Leistungen“ als auf „kriegsbedingten Unkostensteigerungen“ ein. Erstmals wurde auch von Erziehungsbeihilfen für die Kinder gefallener Gefolgschaftsmitglieder berichtet.

Die objektive Situation des Unternehmens lässt sich damit immer weniger aus den wenigen publizierten Bilanzzahlen ablesen, die zwar 1944 einen gestiegenen Gewinn ausweisen, den man angesichts der Rahmenbedingungen wohl nur als Bilanzwunder bezeichnen kann, für die außerordentliche Erträge aus Buchgewinnen „bei der Begebung von Steuergutscheinen und Schatzanweisungen“ genannt wurden.


Belastbarer dürften da die Schlussfolgerungen sein, die man aus einigen anderen Daten zur Situation des Unternehmens und der Rahmenbedingungen ziehen kann. So sanken die freiwilligen Sozialleistungen 1943 auf 567.000 RM und 460.000 RM im Jahr 1944, während die Zahl der im Geschäftsbericht aufgeführten Gefallenen 1943 25 betrug nach 22 in Jahr 1942 16 im Jahr 1941 und drei im Jahr 1940. 

Im März 1945, als die beiden Vorstandsmitglieder den Geschäftsbericht unterschrieben, wurde hingegen keine Zahl für 1944 genannt. Vielmehr stellte der Geschäftsbericht kurz vor der deutschen Kapitulation, als große Teile Deutschlands in Schutt und Asche lagen, die BWK weiterhin dank außerordentlicher Erträge bilanziell als florierendes Unternehmen dar. Die Bilanzierungsvorschriften haben es offensichtlich ermöglicht und über die volle Wahrheit musste wie nach dem ersten Weltkrieg erst die Nachkriegszeit Aufschluss geben. Das galt nicht zuletzt auch für die Bewertung der Zwangsarbeit und der Abschreibungen, zu der die Bilanzen geschwiegen haben.

                                           BWK-Geschäftsbericht 1940


Quellen:


Bluma, Lars, Stoffgeschichte: Zellwolle, Mode und Modernität 1920 – 1945, in: Intelligente Verbindungen. Band 1 (2011).

Götze, Kurt, Kunstseide und Zellwolle nach dem Viskose-Verfahren, Berlin 1940.

Höschle, Gerd, Die deutsche Textilindustrie zwischen 1933 und 1939, Stuttgart 2004.

NN, 50 Jahre Bremer Wollkämmerei. Jubelfeier in Blumenthal, in: Weser-Zeitung vom 16.10.1934.

NN, Ausblick auf das laufende Geschäftsjahr, in: Sir Charles, 19, 2.

NN, Bremer Woll-Kämmerei 1884 – 1934, in: Wirtschaftsdienst Hamburg vom 19.10.1934.

NN, Jubiläum: 120 Jahre BWK. Feste feiern, in: Sir Charles, 57, 1f.

Pfister, Ulrich, Deutsche Wirtschaft seit 1850, Universität Münster, WS 2008/9.

Schiemann, Heinrich, Ein Jahrhundert BWK 1883 – 1983. Eine Epoche der Woll- und Chemiefaserverarbeitung in Bremen, Bremen.



Mein ganz besonderer Dank gilt  der Deutschen Zentralbibliothek fürWirtschaftswissenschaften - Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, die im Rahmen eines Projektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft historische Pressematerial des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA) und des Wirtschaftsarchivs des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel (WIA/IfW) u.a. über die Bremer Wollkämmerei digitalisiert und über das Internet zugänglich gemacht hat. Die dort abrufbaren Auszügen aus den Geschäftsberichten der BWK sowie die dort vorhandenen Artikel der Wirtschaftspresse waren die zentrale Informationsgrundlage für diesen Blog-Artikel.
  
Anhang:

Geschäftsentwicklung und zwischen 1911 und 1944


Jahr
Reinertrag
Dividende der Stämme  in %
Dividenden-summe
Wichtige Geschäftsvorfälle
1911
1.118.792
16
800.000
Erhöhung des Aktienkapitals um 1 Mio. Mark, Belastung durch Marokko-Krise
1912
1.773.492
20
1.000.000
Höhere Nachfrage und geringere Schur führten zu steigenden Wollpreisen, Zukauf von 15.616 qm in Blumenthal
1913
1.357.524
20
1.000.000
Weiter steigende Wollpreise, befürchtete Wollknappheit, nur geringere Einfuhr aus Australien möglich
1914
3.460.203
30
1.500.000
Bau von Sortiergebäude und Tuchwollwäscherei, Produktion für den Heeresbedarf, Verkauf von Lagerbeständen
1915
2.177.743
18
900.000
Produktionseinschränkungen wegen Mangels an Kohle und Wolle, weiterer Verkauf von Lagerbeständen
1916
1.109.457
18
900.000
Trotz eingeschränkter Produktion Gewinne aus Nebenbetreiben und durch die Verzinsung liquider Mittel, Sortiergebäude und Tuchwäscherei fertiggestellt
1917
1.995.720
18
900.000
Produktionseinschränkungen durch Mangel an Kohle, weitere Gewinne aus Nebenbetrieben und liquiden Mitteln sowie Wollverkäufen in neutralen Ländern
1918
929.433
15
750.000
Bis November Anstieg der Produktion, anschließend hohe Abschreibung auf Reichsanleihe
1919
1.243.683
20
1.000.000
Kapitalerhöhung um 3,4 Mio. M Stamm- und 0,4 Mio. M Vorzugsaktien, Belastungen der deutschen Nachfrage durch wechselkursbedingte extrem hohe Wollpreise, die günstige Wollverkäufe ermöglichten
1920
3.572.981
25
2.014.000
Einsatz amerikanischer Kohle, weiterer Verkauf von Lagerbeständen
1921
20.817.429
30
3.624.000
Ausgabe von 4 Mio. M Genusschein-Kapital beschlossen, neue Tuchwollwäscherei, Produktion erreichte wieder den Vorkriegsstand, Bereitstellung von 5 Mio. M für Wohnungsbau und 10 Mio. für Instandhaltung und Erneuerung
1922
1.021.671.147
1)
22.024.000
Erhöhung des Aktienkapitals aus Gesellschaftsmitteln, Flucht in Wolle bei günstigen Einstiegspreisen, Berechnung der Kammlöhne in Devisen,
1) 50 Goldpfennig und Gratisaktien
1923
3.689.981
6
864.000
Anfang des Jahres trotz des Ruhrkampf stabiles Geschäft dank der Auslandskunden, später rasante Geschäftsbelebung bei hohen Preisen, Rücklage für Bau von 29 Arbeiterwohnungen aufgelöst
1924
1.182.173
6
864.000
Gute Auslastung bei steigenden Preisen, Neue Kesselanlage, Kauf eines „wertvollen angrenzenden Grundstücks“
1925
1.016.899
6
864.000
Preissturz um bis zu 50%, neue Maschinen für über 1,5 Mio. RM
1926
1.524.855
8
1.144.000
Relativ geringe Preisschwankungen, größere Aufträge zur Lohnverkämmung eingegangen
1927
2.716.538
12
1.704.000
Deutlicher Geschäftsaufschwung, sodass ganzjährig in zwei Schichten gearbeitet wurde, Erweiterung der Kreuzzucht-Kämmerei
1928
1.549.114
12
1.224.000
Ab September „Geschäftsstille“, die zu starken Betriebseinschränkungen führte, Rückzahlung des Genussscheinkapitals, HV mit damals üblichen 19 Aktionären
1929
1.198.653
10
1.024.000
Wirtschaftskrise führt zu gefüllten Kammzulagern und sinkenden Preisen, Dividendenzahlung wegen einer „vorsichtigen Dividendenpolitik“ in den Vorjahren möglich
1930
1.165.059
10
1.024.000
Trotz Krise gute Lohnbeschäftigung, Wollpreise auf Tiefstand der letzten 30 Jahre, Senkung der Löhne um 6 %
1931
1.281.400
10
1.024.000
Konkurs der Nordwolle und Abkehr Großbritanniens vom Goldstandsrad führten zu großer Unsicherheit, Ende des Jahres reichten Lohnkämmereiaufträge  nur noch für eine Auslastung von 50 % der Kapazität, Senkung der Kämmlöhne um 10 %
1932
1.252.275
10
1.024.000
Beteiligung mit 900.000 RM an der „Wilhelmsburger Wollkämmerei“ (GK: 2 Mio. RM), die aus der insolventen Hamburger Wollkämmerei gegründet wurde, Zugmachergeschäft weiterhin „unlohnend“
1933
1.647.646
12
1.224.000
„Wende zum Besseren“ nach vierjährigem Preisverfall, Anstieg bis zum Jahresende um bis zu 100%, Wilhelmsburger Wollkämmerei nimmt Betrieb auf und erfordert Abschreibung  
1934
1.815.609
8
1.224.000
Devisenmangel führt zu mangelhafter Versorgung mit Rohwolle,
vorübergehende Betriebsreduzierung auf 24 Std/ Woche, Verarbeitung von Kunstspinnfasern aufgenommen, Abschaffung der Betriebsräte und der gewählten Belegschaftsvertreter im Aufsichtsrat durch „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“
1935
1.580.090
10
1.024.000
Ausfall der Auslandskundschaft, Ersatz von Wolle durch Zellwolle bei   Spinnereien nicht erfolgreich, Reduktion der Arbeitzeit auf bis zu 25 Std/ Woche  
1936
1.423.223
10
1.024.000
Verarbeitung exotischer Wollen, da nur 2/3 der „normalen“ Produktion in der Kämmerei, größere Akzeptanz für Zellwolle (1,25 Mio. kg), Beteiligung an der neu gegründeten Thüringischen Zellwolle   
1937
1.057.554
10
1.224.000
Weiterer Anstieg der Zellstofferzeugung, Anstieg der Zahl der Mitarbeiter von 3200 (Anfang 1937) auf 3.750 (Ende 1937)
1938
1.256.478
12
1.224.000
Bessere Versorgung mit Rohwolle, Verdoppelung der Zellwollverarbeitung gegenüber dem Vorjahr
1939
1.024.000
10
1.024.000
Drosselung der Wollverarbeitung durch behördliche Anordnung, weitere Substitution von Wolle durch Zellwolle, Verpachtung von Lagerräumen, neue Sozialleistungen, Beteiligung an der Woitarag, Aufstockung bei der Thüringischen Zellwolle
1940
724.000
7
724.000
Erhebliche geringere Produktion (-28%), Umstellung auf andere Roh- und Hilfsstoffe, höhere Wollvorräte durch Siege der Wehrmacht im Westen
1941
794.000
5,5
794.000
Ausbau der Bastfaser-Abteilung, Kapitalerhöhung aus Gesellschaftsmitteln von  10 auf 14 Mio. RM wegen der Verordnung zur Begrenzung der Gewinnausschüttungen, Kauf eines Wohnhauses, um es als Kinderheim zu nutzen, Beteiligungen an der Bastfaser GmbH und dem Norddeutschen Lloyd
1942
794.000
5,5
794.000
„Planmäßige Einschränkung der Produktion“ und Aussichten in Abhängigkeit von den „Aufgaben“ des totalen Krieges“, Senkung der Warenvorräte und Kauf von Reichsschatzanweisungen
1943
654.000
4,5
654.000
Produktion entsprechend „kriegswirtschaftlichen Anforderungen“, weitere Aufstockung der Beteiligung an der Thüringischen Zellwolle 
1944
724.000
5
724.000
Steigerung der Gesamtproduktion gegenüber dem Vorjahr durch „planmäßige Umstellungen“


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